Wie der Flughafen Zürich happige Bussen umgeht

Tricksereien – und kein einziger ruhiger Tag im Sommer

Wie der Flughafen Zürich happige Bussen umgeht

Eine neue Auswertung zeigt: An keinem einzigen Tag der Sommermonate 2026 hat es der Flughafen Zürich (FZAG) geschafft, die vorgeschriebenen Betriebszeiten einzuhalten. Die Erhebung der über 300 Flugbewegungen nach 23 Uhr allein im Juli zeigt: Der Flughafen misst Verspätungen anders, als sie am Boden wahrgenommen werden – und hält mit dieser Trickserei seine offizielle Verspätungs-Statistik künstlich tief. Die Bevölkerungsorganisation FAIR in AIR fordert nun Konsequenzen, bevor der Ständerat über eine gesetzliche Verankerung der Betriebszeiten berät.

Eine neue Auswertung der Bevölkerungsorganisation FAIR in AIR der Start- und Landezeiten für Juni und Juli belegt das Ausmass des Problems: An keinem der 61 Tage blieb der Flugbetrieb innerhalb der Betriegszeit bis 23:00 Uhr. Jeden einzigen Abend gab es Bewegungen weit darüber hinaus, regelmässig bis kurz vor oder sogar nach Mitternacht. Am 20. Juni etwa hob eine Maschine nach São Paulo statt um 22:40 erst um 00:09 (Verspätungen vom 19. Juni) Uhr ab, am 1. Juli (Verspätungen vom 30. Juni) verzeichneten die Daten gleich mehrere Langstreckenflüge zwischen Mitternacht und 00:54 Uhr, darunter Verbindungen nach Abu Dhabi, Singapur, Hongkong und Johannesburg. 

Bei der Auswertung nach Zieldestination zeigt sich für praktisch jedes dieser Ziele eine Verspätungsquote von 100 Prozent gegenüber der publizierten Planzeit. Der Flughafen selbst weist in seinem monatlichen Lärmbulletin für den Juli jedoch lediglich 36 Flugbewegungen nach 23:30 Uhr aus. Die vorliegende Auswertung zählt für denselben Monat über 300 Flugbewegungen nach 23 Uhr – fast das Zehnfache der offiziell rapportierten Zahl.

Diese Diskrepanz erklärt sich aus der Art, wie der Flughafen eine Startzeit definiert. Auf der öffentlich kommunizierten Zeittabellen erscheint als Abflugzeit nicht der Moment, in dem ein Flugzeug tatsächlich abhebt, sondern der Zeitpunkt des Pushback; also jener Augenblick, in dem die Maschine vom Gate rückwärts weggestossen wird. Nach dem Pushback rollt der Flieger über Vorfeld und Taxiway in Richtung Startbahn; auf der Flughafen-Website erscheint in dieser Phase der Status «Rollend». Und warteten danach am Kopf der Startbahn. So warteten etwa am 16. Juli vier Flugzeuge zwischen 11 Minuten und 33 Minuten auf den eigentlichen Start.

Zwischen einer Viertelstunde und einer Dreiviertelstunde nach dem Pushback gibt die Maschine erst Gas und hebt tatsächlich ab. Wenige Minuten später wird sie von der nächsten startenden Maschine übertönt. Der Flughafen wechselt den Status auf der Website in diesem Moment zwar von «Rollend» auf «Gestartet» – die ursprünglich ausgewiesene Startzeit wird jedoch nicht angepasst und bleibt auf dem Pushback-Zeitpunkt stehen.

Der tägliche Flug nach São Paulo als Musterfall

Besonders anschaulich zeigt sich dieser Mechanismus am täglichen Swiss-Flug LX 92 nach São Paulo, der laut Flugplan um 22:40 Uhr starten soll. Würde der Pushback tatsächlich pünktlich erfolgen und kein anderes Flugzeug den Taxiway zur Startbahn blockieren, wäre die Maschine meistens kurz vor Betriebsschluss in der Luft – ist allerdings abhängig, von welcher Piste gestartet wird. In der Praxis hat das nach den ausgewerteten Daten von Juni und Juli kein einziges Mal funktioniert. Bestes Resultat: Am 18. Juli hob LX 92 um 23:02 Uhr ab, zwei Tage später war es erst um 0:09 Uhr so weit, an allen anderen Tagen lagen die Zeiten zwischen diesen beiden Extremen. 20 bis über 40 Minuten gegenüber der Planzeit waren im Juni und Juli die Regel, nicht die Ausnahme. Für den Flughafen zählt die Maschine dennoch als um 22:40 Uhr gestartet, selbst wenn sie im Monatsschnitt tatsächlich erst nach 23:15 Uhr abhebt. Für die Anwohnerinnen und Anwohner im Umland des Flughafens ist das kein statistisches Detail, sondern eine gelebte Differenz von 20 bis 40 Minuten zusätzlicher Fluglärmbelastung mitten in der Nachtruhe.

Der reguläre Flugbetrieb am Flughafen Zürich endet gemäss Betriebsreglement um 23:00 Uhr. Die halbe Stunde danach, bis 23:30 Uhr, ist eine bewilligungsfreier Verspätungsabbau, der ausschliesslich dem Abbau von Verspätungen dienen soll – kein regulärer Bestandteil des Flugplans. Für Bewegungen nach 23:30 Uhr braucht es eine Ausnahmebewilligung des Bundesamts für Zivilluftfahrt, die sich der Flughafen bei aussergewöhnlichen Umständen selbst erteilen kann. Genau in dieser Grauzone bewegt sich der Flughafen Zürich nach Angaben von Fair in Air praktisch jeden Abend. Der Verein, der sich für die Interessen lärmbetroffener Anwohnerinnen und Anwohner rund um den Flughafen einsetzt, verlangt seit Jahren eine strikte Einhaltung der Betriebszeiten.

Diese Messpraxis hat direkte Konsequenzen für die aufsichtsrechtliche Kontrolle. Verstösse gegen die Betriebszeiten kann das BAZL mit einer Rüge oder einer Busse sanktionieren. In der Praxis geschieht das jedoch extrem selten: In 23 Jahren rügte das Bundesamt den Flughafen Zürich nach eigenen Angaben wegen weniger als zehn Starts oder Landungen nach 23:30 Uhr, Bussen wurden nur «in Einzelfällen» ausgesprochen. Ein Grund dafür liegt im Verfahren selbst: Für Ausnahmen danach kann sich der Flughafen bei «unvorhergesehenen ausserordentlichen Ereignissen» die Genehmigung selbst erteilen. Diese Ereignisse werden im Lärmbulletin des Flughafens deklariert als «schwierige Wetterverhältnisse», «technische Störung», «Wetterverhältnisse am Herkunftsort», «betriebliche Ursache», oder «technische Störung». Ganz selten mal ein Ambulanzflug, für den man jederzeit Verständnis aufbringt. Alle anderen Fälle sind betrieblicher Alltag, der nur deshalb in Randstunden fällt, weil der Flughafen so viele Flüge wie möglich in den engen Flugplan packt, dass die Betriebszeiten beim kleinsten äusseren Einfluss nicht ausreichen. Darunter leiden nicht die Aktionäre, sondern die Anwohner. Wie in einem Tagesanzeiger-Kommentaren ein Passagier ausführte, wurden via Lautsprecher „technische Probleme“ angeführt. Es stiegen jedoch verspätete Transitpassagiere zu.

Rösti nach Rümlang und unpünktliche Schweizer

Der Ständerat berät schon bald darüber, ob die Betriebszeiten gesetzlich verankert werden sollen. FAIR in AIR befürchtet, dass die Flughafen Zürich AG die Karenzzeit für den Verspätungsabbau damit endgültig als normale Betriebszeit einplant und die Nachtruhe der über 55’000 vom Zürcher Fluglärm-Index erfassten, stark belasteten Anwohnerinnen und Anwohner in kleinen Schritten weiter aushöhlt. Der Flughafen lässt den Anwohnern jetzt noch knapp sechseinhalb Stunden ungestörten Schlaf. Wenn die Betriebszeiten bis 23:30 gesetzlich verankert werden, bleiben schon bald nur noch sechs Stunden übrig. Dabei wird Bundesrat Albert Rösti nicht müde zu betonen, wie wichtig der Flughafen Kloten für die Schweizer Wirtschaft und den Tourismus sei. Die Anbindung an den weltweiten Flugverkehr sichere die Standortattraktivität der gesamten Schweiz. Nur muss er im malerischen Uetendorf bei Thun keinen krankmachenden Fluglärm erdulden. Vielleicht sollte er sich mal ein Bild aus der Nähe machen und ein paar Wochen in einer Flughafengemeinde wohnen. Geht auf Bundesspesen unter «Abenteuerferien». Eine Kantosrätin aus Windlach lud die Volkswirtschaftdirektorin Walker Späh und alle Flughafen affinen Kantonsrätinnen und -räte zu sich nach Hause für Apero und eine Übernachtung ein, damit sie erleben können, was nächtlicher Fluglärm heisst. Es meldete sich, selbstredend, keine Person aus dem erwähnten Kreis bei ihr…

Im internationalen Vergleich steht der Flughafen Zürich in Sachen Pünktlichkeit grottenschlecht da: Eurocontrol, die Europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, analysiert in regelmässigen Berichten europäische Grossflughäfen. Dort landet Zürich bei der Abflug- und Ankunftspünktlichkeit regelmässig auf den hintersten Rängen. Im Sommerflugverkehr zählt Zürich zu den unpünktlichsten Grossflughäfen Europas und bildet mit Athen oder Lissabon das Schlusslicht. Während pünktlichere Flughäfen wie Oslo oder Kopenhagen oft über 75 bis 80 % pünktliche Abflüge erzielen, erreicht Zürich in bewegten Sommermonaten teils nur Quoten um 50 %. «Die zugrundeliegenden Probleme sind bekannt, aber die Flughafen AG unternimmt nichts dagegen, denn sie müsste den Flugplan ausdünnen und dann könnten die Aktionäre weniger Gewinn aus ihrer Beteiligung ziehen», so FAIR in AIR-Vorstand und alt Kantonsrat Urs Dietschi. «Gute Nacht.»

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